Archiv der Kategorie 'Hochstrasse'

Sekttrinken vor dem durchgestrichenen Kaselowskystraßenschild

Die Initiativgruppe Antikaselowsky hat als Abschluß ihres Engagement gegen die Ehrung des Nazis Richard Kaselowsky Sekt vor dem durchgestrichenen Kaselowskystraßenschild genossen.

Sekttrinken vor dem durchgestrichenen Kaselowskystrassenschild   Die Initiative vor dem durchgestrichenen Kaselowsky-Strassenschild

Kaselowskystraße offiziell in Hochstraße umbenannt

Laut einem Artikel der Neuen Westfälischen vom 16.02.2017 heißt die Kaselowskystraße seit Freitag dem 17.02 wieder Hochstraße.:

Die Kaselowskystraße in Bielefeld heißt ab Freitag wieder „Hochstraße NW vom 16.02.2017

Update:
Hochstrassenschild und Kaselowskystrasse durchgestrichenTrotz der Pressemitteilung der Stadt wurde real der Schilderaustausch erst Mitte April vorgenommen und zwar ‪durch die Anbringung eines zweiten Schildes mit der Bezeichnung Hochstraße und Durchstreichung der Kaselowskystraße. Dieses wird für eine halbjährige Übergangszeit so bleiben und im Oktober wird das Kaselowskystraßenschild dann endgültig abmontiert.

Am 17.11 hat der Stadtrat Bielefeld dem Antrag zur Erinnerungskultur zusgestimmt

Auf der Sitzung am 17.11.2016 hat der Stadtrat Bielefeld dem Antrag der Paprikakoalition und der Linken Bielefeld zur Kommunalen Gedenk- und Erinnerungskultur zugestimmt.:

  1. Der Rat der Stadt unterstützt und drückt seine Wertschätzung aus für die vielfältigen Ausdrucksformen und insbesondere die zivilgesellschaftlichen Aktivitäten im Bereich der Erinnerungs- und Gedenkkultur in unserer Stadt. Er bittet die Verwaltung, dies im Rahmen ihrer Möglichkeiten ebenfalls zu tun.
  2. Der Rat begrüßt, dass sich immer mehr Institutionen und Unternehmen mit ihrer Geschichte auseinandersetzen. Auch die Stadt hat noch zahlreiche Aspekte ihrer politischen und Organisationsgeschichte aufzuarbeiten. Die Frage des Umgangs mit Benennungen von Straßen und Gebäuden nach historisch umstrittenen Personen ist in diesem Zusammenhang einer kritischen Betrachtung zu unterziehen.
  3. Der Nationalsozialismus stellt einen beispiellosen Zivilisationsbruch in der Geschichte des 20. Jahrhunderts dar. Deshalb wird sich die städtische Erinnerungskultur auch weiterhin intensiv mit dieser Zeit und ihren Auswirkungen zu beschäftigen haben.

Quelle: Antrag zur Gedenk und Erinnerungskultur an den Stadtrat Bielefeld von Paprika und Linken (pdf)

Die Umbenennung der Kaselowskystrasse in Hochstrasse ist jetzt amtlich

Nachdem die beiden Bezirksräte Gadderbaum und Mitte für die Umbenennung gestimmt haben, ist mit der Zustimmung des Stadtentwicklungsausschusses die Umbenennung in Hochstraße jetzt amtlich.
Die Begründung der Verwaltung für die Kosten der Stadt Bielefeld wollen wir der Öffentlichkeit nicht vorenthalten:

Der Stadt Bielefeld entstehen rund 140 Euro Kosten durch den Austausch des Straßenschildes. Zu berücksichtigen ist bei dem alten Straßenschild, dass das Schild 1 bis 2 mal im Jahr beschädigt (überklebt, besprüht) oder samt Pfahl umgeworfen wurde.

Leserbrief von Peter Gießelmann zur Bericherstattung über den geplanten Austausch der Kaselowsky-Platte

Kaselowsky-Einigung = fragwürdige Rücknahme von fragwürdigen Ehrungen ?
Die Berichterstattung zur jüngsten Entwicklung in Sachen „Kaselowsky“ erweckt den Eindruck, als wäre die Angelegenheit schon gelaufen, die Zustimmung der Gremien der Stadt nur noch Formsache, eine Diskussion darüber nicht mehr nötig. Das würde dem Problem aber nicht gerecht.
Der letzte Antrag auf Umbenennung der Kaselowskystrasse wurde 2014 im Rat abgelehnt mit der Begründung, „dass das Thema des nationalsozialistischen Hintergrundes in der Wahlperiode 2014-2020 unter Beteiligung aller betroffenen Gruppierungen sorgfältig aufgearbeitet und einer Gesamtbetrachtung der historischen Zusammenhänge unterzogen werden solle.“ Dies wurde im Bürgerausschuss von der Verwaltung als derzeitige Beschlusslage vorgetragen. Das blieb in der Sitzung unwidersprochen. Mit dieser Zielrichtung wurde dann der Antrag der Antikaselowsky-Initiative zur Ergänzung der Ehrentafel in der Kunsthalle mit Hinweisen auf die NS-Verstrickung Kaselowskys an den Hauptausschuss (zuständig OB Clausen) einstimmig überwiesen.
Dieser Antrag ist durch die Bitte der Familie Oetker, die alte Tafel durch eine neue zu ersetzen, wo nur noch „der Opfer des 2. Weltkrieges unserer Stadt“ gedacht wird, der Name Kaselowsky nicht mehr erwähnt wird und auch Rudolf August Oetker nicht mehr allein als Stifter auftritt, sondern die Familie Oetker, nicht erledigt. Der Antrag wurde auch nicht automatisch dadurch gegenstandslos, dass der Oberbürgermeister diese Bitte der Oetkers als Beschlussvorlage in den Hauptausschuss einbringt (das ist als Vorsitzender sogar seine Aufgabe). Auch die absehbare Zustimmung der Fraktionen macht den Initiativenantrag nicht hinfällig. Die Diskussion, der Dialog wird also spätestens im Hauptausschuss noch zu führen sein.
Hier schon mal einige Gesichtspunkte. Wäre der bloße Austausch der Gedenktafel nicht Geschichtsklitterung? Immerhin hat Rudolf August Oetker ja bewusst Richard Kaselowsky ehren wollen und beharrlich auf Beibehaltung der Ehrung bestanden. Kaselowsky wird im neuen Text lediglich nicht mehr namentlich genannt, bleibt implizit aber als tief im NS-System verstrickter „Täter“ weiter als „Opfer“ mitgeehrt. Die Beschränkung des Opferkreises auf die Bielefelder ist auch nicht ganz unbedenklich, denn die bei Bombenangriffen getöteten Zwangsarbeiter waren ja keine Bielefelder und sind damit als Opfer von der Ehrung ausgeschlossen. Auch die Beschränkung des Gedenkens auf die Opfer „des Krieges“ ist eigentlich inakzeptabel. Die während der faschistischen Gewaltherrschaft Verschleppten, die Zwangsarbeiter, die in den Konzentrationslagern Inhaftierten und dort Ermordeten, die verfolgten Widerstandskämpfer, die in den Vernichtungsfeldzügen und Vernichtungsaktionen (z.B. Oradour-sur-Glane, Lidice) Umgekommenen … können wohl kaum als Opfer „des Krieges“ begriffen werden. Sie alle sind Opfer des NS-Regimes, für das Kaselowsky mitverantwortlich war.
Ich gehe mal davon aus, dass die Familie Oetker heute diese Opfer nicht bewusst vom Gedenken ausschließen will, aber ihre Bitte läuft faktisch eben doch darauf hinaus. Die Bielefelder Initiativen der Erinnerungskultur, die Stolpersteinverleger, Mahnmal-Errichter (Bahnhof, Zwangsarbeiter), Kranzniederleger (Widerstandskämpfer auf dem Sennefriedhof, Soldatenfriedhof Stukenbrock), Gedenkveranstaltungsgestalter und Teilnehmer (Reichspogromnacht 9. Nov.) – sie alle können eine derart selektive Beschränkung des Opfergedenkens in der letztlich auch ihnen gehörenden Kunsthalle der Stadt Bielefeld wohl kaum unterstützen – insbesondere auch nicht Organisationen wie die Gesellschaft für Christlich Jüdische Zusammenarbeit und die Deutsch-Israelische Gesellschaft. Deshalb muss ein Vorschlag, wie eine Lösung aussehen könnte, in dem notwendigen Dialog erst noch erarbeitet werden. Dass so etwas geht, zeigt sich an der Hamburger Mundsburg: Hier waren in einem Bunker 700 Menschen umgekommen. Auf einem Gedenkstein wird an sie erinnert und angefügt „Nie wieder Krieg. Nie wieder Faschismus“.
Da die Bezirksvertretungen Gadderbaum und Mitte am 1. September, dem Antikriegstag tagen und dann über die Rückbenennung der Kaselowskystrasse befinden sollen, wäre dies eine Gelegenheit, nicht nur die Umbenennung zu empfehlen, sondern auch Vorschläge dazu zu machen.
Bei der Umbenennung der Hochstraße in Kaselowskystrasse wurde rechtfertigend gesagt, dass damit die Familie und nicht nur Richard Kaselowsky geehrt würde. Von der Familie sind aber auch Ehefrau Ida (NSDAP, NS-Frauenschafft) und Bruder Theo (NSDAP, Arisierungsexperte, Industrie- und Handelskammer) mit dem Vorwurf der NS-Vergangenheit und „Mitverantwortung“ belastet. Es ist ein Irrglaube, mit den vorgesehenen Änderungen sei die Tilgung des Namens Kaselowsky im öffentlichen Raum verbunden. In Gadderbaum gibt es (wohl schon seit 1966) einen „Ida-Kaselowsky-Kindergarten“, Träger ist die Ev.-Luth. Martini Kirchengemeinde. Der Kindergarten wird als ein Förderschwerpunkt bei der „Ida und Richard Kaselowsky Stiftung“ aufgeführt. Die Stiftung wurde von Rudolf August Oetker im Jahre 2000 gegründet, eine Reaktion auf die Streichung des Namens aus der Kunsthallenbenennung durch Ratsbeschluss 1998 ?
Die notwendige Aufarbeitung sollte am Anfang der Geschichte beginnen. Fragwürdig war die Ehrung von Beginn an als sie 1959 zwischen Oberbürgermeister Artur Ladebeck – er war ein Opfer des NS-Regimes – und Rudolf August Oetker – er war Nationalsozilist, in der Waffen-SS – zu Ehren des Richard Kaselowsky – ein Nationalsozialist des Herzens – verabredet wurde. Fragwürdig ist die Beibehaltung der öffentlichen Ehrung über Jahrzehnte gegen immer wieder aufflammende Proteste. Von einer Einigung in dem „Namensstreit“ kann wohl erst dann gesprochen werden, wenn die Fragwürdigkeit allseits durchleuchtet wurde.

Peter Gießelmann (Mitorganisator der Proteste 1968 und ((zumeist)) Begleiter bei den folgenden)
33613 Bielefeld