Leserbrief zur Entfernung der Gedenkplatte

Zu der Entfernung der Gedenkplatte hat Peter Gieselmann folgenden Leserbrief geschrieben.:

Die „Neue Westfälische“ berichtete am Freitag (4.8.) auf den Bielefeld Seiten über die neue Gedenktafel in der Kunsthalle Bielefeld und am Samstag darüber, dass die Inschrift zu Irritationen – mehr sprachlich als inhaltlich – geführt hatte. Meine Inhaltlichen Bedenken beziehen sich auf den Kreis der Opfer, deren Gedenken die Kunsthalle gewidmet sein soll.
Bei der Formulierung „Opfer des 2. Weltkrieges unserer Stadt“ sind doch nur die bei kriegerischen Handlungen getöteten (und Verletzten) Bielefelder, kurz: die aus Bielefeld stammenden Soldaten und die Zivilopfer der Bombenangriffe auf Bielefeld gemeint.
Im nationalistischem Jargon formuliert hieße dieses Gedenken etwa so: Wir gedenken unserer Soldaten die im Kampf gegen unsere Erzfeinde im Westen ihr Leben ließen und der tapferen Kämpfer die von den Truppen der Untermenschen im Osten hingerafft wurden so wie unserer Mitbürger die an der Heimatfront dienten und die durch den Terror der feindlichen Bomber den Tod fanden.
Ich will keinem eine derartige Denke unterstellen (auch nicht der Familie Oetker), nur dadurch verdeutlichen, dass es auch in der „unverfänglicheren“ Formulierung nicht hinnehmbar ist, mit einem solch degeneriertem Opfergedenken in einem öffentlichen, der Stadt gehörendem Gebäude im Eingangsbereich Gäste zu „begrüßen“, zumal ja insbesondere auch auswärtige/ausländische Gäste unser Kunsthaus besuchen sollen.
Bliebe es bei der Formulierung könnte sich Bielefeld wohl rühmen, das weltweit monumentalste und bekannteste Denkmal für ihre „Zweiteweltkriegsopfer“ zu besitzen.
In dem Mahnmal würde nicht der 6 Millionen umgebrachten Juden gedacht – nicht einmal der von Bielefeld aus deportierten, nicht einmal der ehemaligen jüdischen Mitbürger Bielefelds. Es wäre nicht an die Opfer der Bombenangriffe der Deutschen auf z.B. Warschau, Rotterdam, Coventry gedacht, nicht an die Opfer von „Vergeltungsaktionen“ der Wehrmacht, SS und Waffen-SS z.B. die Massaker von Oradour-sur-Glane (Frankreich, 1944) oder Lidice (Tschechien, 1942). Ebenso sind die Zwangsarbeiter nicht in das Gedenken eingeschlossen, selbst nicht die in Bielefeld geknechtete oder gar bei den Bombenangriffen ums Leben gekommenen. Auch der in deutscher Gefangenschaft umgekommenen bzw. umgebrachten Soldaten der gegnerischen Heere wird nicht gedacht (z.B. der Tausenden sowjetischen im STALAG Stukenbrock). Zu ergänzen wäre die Liste der vom Gedenken ausgeschlossenen noch um die Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime z.B. der auf dem Ehrenfeld des Sennefriedhofs begrabenen.
Es erscheint widersinnig, dass die Bielefelder Zivilgesellschaft Gedenkstätten errichtet, pflegt und Veranstaltungen dort durchführt – Zwangsarbeiter-Mahnmal, Deportations-Mahnmal, Stolpersteine, Blumen für Stukenbrock, Ehrenfeld Sennefriedhof, Gedenkfahrten zu den Gedenkstätten der Konzentrationslager und anderer „Vernichtungsorte“ – dass die Politik selbst jährlich zur Reichspogromnacht am Ort der niedergebrannten Bielefelder Synagoge und im Rathaus eine Gedenkfeier organisiert aber kein angemessenes Opfergedenken in der Kunsthalle etablieren konnte.
Laut Oetker-Sprecher Schillinger steht noch nicht fest, ob die Gedenktafel (erneut) ausgetauscht wird. Ich möchte dazu einen Vorschlag machen, der die sprachlichen Hürden umgeht und die Irritationen in Bezug auf das eingeschränkte Opfergedenken überwindet.
Die Kunsthalle ist dem Gedenken der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft von 1933 bis 1945 gewidmet. Die Familie Oetker hat den Bau mit ihrem finanziellen und gestalterischen Beitrag ermöglicht.
(Die Anregung zur „Umschreibung“ des Opferkreises habe ich am Donnerstag bei einem Besuch der Landesgarten erhalten, der Gedenkstein der Stadt Lippspringe steht in der Nähe vom Eingang zum Gartenschaugelände.)
Im bisherigen „Kunsthallenstreit“ lag der Fokus auf dem Namen Richard Kaselowsky. Nach der wissenschaftlichen Aufarbeitung von „Dr. Oetker und der Nationalsozialismus“ stand letztlich dann die Erkenntnis, dass R.K. wegen seiner – tiefen – Verstrickung in das NS-Regime sich weder als Namensgeber für die Kunsthalle eignet, noch als Opfer – da ja eher Täter war – auf der Gedenkplatte Erwähnung finden kann. Auch die Ehrung durch einen Straßennamen wurde entsprechen dieser Erkenntnis beendet.
Erst jetzt, bzw. als der Text für die nun angebrachte Tafel im Hauptausschuss auf der Tagesordnung stand, fiel das eingeschränkte Opfergedenken auf. Da schien aber schon alles festgezurrt, mit der Familie abgesprochen zu sein, die Regelung wurde als großer Wurf angesehen. Nun scheint mir die Gelegenheit gekommen zu sein, die Thematik in einem Dialog noch einmal zu drehen und zu wenden und eine wirklich gute Lösung zu finden. Der Dialog kann in den Ferienzeiten sicher nicht beginnen, die Bereitschaft dazu aber entstehen. Ich wäre gerne dabei.

Peter Gießelmann, 33613 Bielefeld