Zur Ausstellungseröffnung der Kunsthalle Bielefeld wurden Flyer über die Legende der Finanzierung der Kunsthalle durch Oetker verteilt


Mitgliederr der Initiative Antikaselowsky verteilen zur Ausstellungseroeffnung am 1.9.2017 Flyer vor der Kunsthalle
Zur Ausstellungseröffnung und somit Wiederöffnung der Kunsthalle hat die Initiative Anti-Kaselowsky Flyer (pdf) über die neue Gedenkplatte und die über die Legende der vollständigen Finanzierung durch Oetker verteilt. …

Faktencheck zur Übernahme der gesamten Baukosten der Kunsthalle des Oetker-Konzerns

Fehlerhaftes Schild ueber die Finazierung der Kunsthalle „Die Dr.-August-Oetker-Stiftung übernahm die gesamten Kosten des Baus und der Inneneinrichtung. Die Stadt musste nur das Grundstücks stellen“ – so die Neue Westfälische vom 16.8.2017. Diese Legende von der Schenkung der Kunsthalle hält sich in Bielefeld zäh und wird jetzt auch in der NW wiederholt.

Hier der Faktencheck:

In der Vereinbarung von 1959 zwischen Oberbürgermeister Arthur Ladebeck und Rudolf August Oetker war noch von einer Schenkung des gesamten Baus die Rede. Dazu kam es in der Folgezeit aber nicht. Oetker beteiligte sich statt dessen im Rahmen einer Spendenlösung nur zu einem Drittel an den Kosten von 12,5 Millionen DM. 1970 schrieb Rudolf August Oetker an Michael Schibilsky, den Redakteur der damals engagiert und investigativ recherchierenden „Blätter“ des Jugendkulturrings:

„Im Laufe der Zeit waren auch die Preise gestiegen und, als der Bau einer Kunsthalle begonnen werden konnte, kostete er insgesamt DM 12,5 Mio. Die Firma Dr. August Oetker zusammen mit anderen Firmen der Oetker-Gruppe hat sich
seinerzeit verpflichtet, davon DM 8 Mio. zu zahlen, und die Hälfte des darüber hinausschießenden Betrages, so daß insgesamt DM 10,25 Mio. von der Oetker- Gruppe aufgewendet wurden. … Sie wissen vielleicht, daß Spenden dieser Art an die Stadt Bielefeld von der Steuer absetzbar sind, d.h. von der steuerpflichtigen Summe abgezogen werden können. Dabei werden Steuern in Höhe von 55% gespart …, so daß mich der Bau persönlich 4,6 Mio. DM gekostet hat.1 2

Die Kunsthalle war also eine teure Gabe – sowohl für die Steuerzahler*innen, die 2/3 der Baukosten trugen wie für die Stadt, die das Grundstück bereit stellte und von 1968 und 1998 über 70 Millionen DM für das Museum aufgewendet hat. Die Legende von der Schenkung sollte die in Deutschlands Museumslandschaft singuläre Tatsache legitimieren, dass ein öffentliches Kunstmuseum nicht nach einem Künstler, Sammler, Stifter oder Museumsleiter benannt wurde, sondern errichtet wurde als Gedenkstätte für zwei Unternehmerfamilien und als Erinnerungsmal für einen hochrangigen Funktionsträger des nationalsozialistischen Systems in der Region.

  1. Brief von Oetker wegen Beteiligung an den Baukosten der Kunsthalle an den Bielefelder Kulturring Seite 1 (jpg)
  2. Brief von Oetker wegen Beteiligung an den Baukosten der Kunsthalle an den Bielefelder Kulturring Seite 2 (jpg)

Maja Oetker protestiert gegen die Entfernung des Namens ihres Mannes in der neuen Gedenktafel

Die neue Gedenktafel hat bei Maja Oetker, der Witwe von Rudolf-August Oetker Empörung hervorgerufen, weil auf dieser nur noch Familie Oetker und nicht mehr expliziet Rudolf-August Oetker steht, wie die Lokalpresse mitteilt.:

Presseerklärung der Initiative aus Anlass des Austauschs der Gedenktafel in der Kunsthalle Bielefeld Mitte August 2017

Der Austausch der Gedenktafel, die in der Kunsthalle Bielefeld an Richard Kaselowsky erinnert, ist ein Meilenstein für die Kunsthalle Bielefeld. Er ist auch ein Meilenstein für die Bielefelder Bevölkerung und deren Erinnerungskultur. Und er ist natürlich ein Erfolg für alle Menschen, die sich seit 1968 gegen die Benennung der Kunsthalle nach Richard Kaselowsky und gegen das öffentliche Gedenken an ihn engagiert haben. Mit dem Austausch der Tafel geht zu Ende, was mit dem Anbringen und mit der Namensgebung immer wieder zu vielfältigen und phantasievollen Protestaktionen Anlass gegeben hatte. Als Teil dieser bürgerschaftlichen Protestbewegung veröffentlichen wir diese Erklärung.

Richard Kaselowsky, der Stiefvater Rudolf August Oetkers war Mitglied und Förderer der NSDAP und Mitglied im „Freundeskreis Reichsführer SS Heinrich Himmler“, einem Kreis von Industriellen, die Himmler und derSS zwischen 1936 und 1944 jährlich mit ca. 1 Million Reichsmark spendeten. Das hielt den damaligen Oberbürgermeister und die Stadtratsmitglieder nicht davon ab, auf Wunsch Rudolf August Oetkers die Bielefelder Kunsthalle nach Kaselowsky zu benennen und ihn mit der Tafel im Eingangsbereich zu ehren:

Den Opfern des zweiten Weltkrieges Unserer Stadt
Unter ihnen Mein zweiter Vater Richard Kaselowsky Rudolf August Oetker

Auf Wunsch des ehemaligen Mitglieds der Waffen-SS Rudolf August Oetker wurde so einer der nationalsozialistische Täter zu einem Opfer umgedeutet. Auf der alten Tafel sprach Oetker quasi als Hausherr und verfestigt damit bis heute die Legende, dass er den Bau der Stadt geschenkt habe. Tatsächlich finanzierte die Firma Oetker faktisch nicht mehr als etwa ein Drittel der Baukosten. Die Folgekosten tragen bis heute die Bürgerinnen und Bürger von Bielefeld, sie ist IHR kostbarer Besitz.

1998 erfolgt nach erneuten Protesten, die eine breite überregionale Öffentlichkeit fanden, die Umbenennung des Museums in „Kunsthalle Bielefeld“. Rudolf August Oetker zog daraufhin seine Leihgaben ab, die Gedenktafel blieb an ihrem Platz.

Angestoßen durch ein Flugblatt unserer Initiative vom 30. April 2016 (zu den Nachtansichten) fassten die Gremien der Stadt Bielefeld den Beschluss, die Gedenkplatte durch eine neue Tafel zu ersetzen:

Im Gedenken der Opfer des zweiten Weltkrieges unserer Stadt hat die Familie OETKER den Bau dieser Kunsthalle ermöglicht.

Im Jahr 2001, drei Jahre nach der Umbenennung der Kunsthalle beschloss der Rat der Stadt unter Bürgermeister David aus Anlass des 85. Geburtstags von Rudolf August Oetker gegen erneute Proteste den Abschnitt der Hochstraße, an dem sich das Haus der Familie Kaselowsky befunden hatte, in Kaselowskystraßeumzubenennen und so den Namen Kaselowsky wieder im öffentlichen Stadtraum sichtbar zu machen.

Nach dem Beschluss der politischen Gremien heißt die Kaselowskystraße seit dem 31. Januar 2017 wieder Hochstraße.

Die Ehrung und der Name von Richard Kaselowsky sind nun aus dem Bielefelder Stadtbild verschwunden. Wir freuen uns riesig über diesen Erfolg und danken allen Beteiligten.

Außerdem setzen wir uns dafür ein, dass die Geschichte des Baus, der Namensgebung und der Umbenennungen in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv dokumentiert und für alle Interessierten vor Ort zugänglich gemacht wird.

Die Kunsthalle mit der neuen Tafel ist nach der Sommerpause ab 2. September wieder für Besucher geöffnet.

Nachfragen möglich unter nokaselowsky(at)riseup.net

Leserbrief zur Entfernung der Gedenkplatte

Zu der Entfernung der Gedenkplatte hat Peter Gieselmann folgenden Leserbrief geschrieben.:

Die „Neue Westfälische“ berichtete am Freitag (4.8.) auf den Bielefeld Seiten über die neue Gedenktafel in der Kunsthalle Bielefeld und am Samstag darüber, dass die Inschrift zu Irritationen – mehr sprachlich als inhaltlich – geführt hatte. Meine Inhaltlichen Bedenken beziehen sich auf den Kreis der Opfer, deren Gedenken die Kunsthalle gewidmet sein soll.
Bei der Formulierung „Opfer des 2. Weltkrieges unserer Stadt“ sind doch nur die bei kriegerischen Handlungen getöteten (und Verletzten) Bielefelder, kurz: die aus Bielefeld stammenden Soldaten und die Zivilopfer der Bombenangriffe auf Bielefeld gemeint.
Im nationalistischem Jargon formuliert hieße dieses Gedenken etwa so: Wir gedenken unserer Soldaten die im Kampf gegen unsere Erzfeinde im Westen ihr Leben ließen und der tapferen Kämpfer die von den Truppen der Untermenschen im Osten hingerafft wurden so wie unserer Mitbürger die an der Heimatfront dienten und die durch den Terror der feindlichen Bomber den Tod fanden.
Ich will keinem eine derartige Denke unterstellen (auch nicht der Familie Oetker), nur dadurch verdeutlichen, dass es auch in der „unverfänglicheren“ Formulierung nicht hinnehmbar ist, mit einem solch degeneriertem Opfergedenken in einem öffentlichen, der Stadt gehörendem Gebäude im Eingangsbereich Gäste zu „begrüßen“, zumal ja insbesondere auch auswärtige/ausländische Gäste unser Kunsthaus besuchen sollen.
Bliebe es bei der Formulierung könnte sich Bielefeld wohl rühmen, das weltweit monumentalste und bekannteste Denkmal für ihre „Zweiteweltkriegsopfer“ zu besitzen. (mehr…)